• Mittwoch, 28. Oktober 2026

Roland Schraml: Unsere Heimat ist kein beliebiger Standort auf einer Landkarte

Stellungnahme von Roland Schraml, Erster Bürgermeister der Gemeinde Haidmühle, zur aktuellen Suche nach einem Atommüll-Endlager:

Die jüngste Veröffentlichung der Bundesgesellschaft für Endlagerung vom 27. Oktober 2026 macht deutlich, dass der Bayerische Wald und damit auch unsere Grenzregion weiterhin von der Suche nach einem Endlager für hochradioaktive Abfälle betroffen sind.
Während große Teile Deutschlands inzwischen aus dem Auswahlverfahren ausgeschieden sind, bleiben Gebiete in unserer Heimat weiterhin im Fokus. Das erfüllt mich als Bürgermeister mit großer Sorge und stößt bei mir auf entschiedenes Unverständnis.
Mir ist bewusst, dass Deutschland eine verantwortungsvolle und langfristig sichere Lösung für seine hochradioaktiven Abfälle finden muss. Diese Verantwortung dürfen wir nicht einfach von uns weisen. Aber eine solche Entscheidung muss sich ausschließlich an der größtmöglichen Sicherheit orientieren. Politische Zweckmäßigkeit, geringe Bevölkerungszahlen oder die Lage am Rand unseres Landes dürfen dabei niemals eine Rolle spielen.

Für mich steht fest: Der Bayerische Wald ist keine Region, die man leichtfertig für ein solches Vorhaben in Betracht ziehen darf.
Die geologischen Bedenken sind seit Jahren bekannt. Unser Granitgestein ist von Klüften und Spalten durchzogen. Mögliche Wasserwege im Untergrund werfen erhebliche Fragen hinsichtlich eines dauerhaft sicheren Einschlusses radioaktiver Abfälle auf. Wenn ein Endlager über eine Million Jahre Sicherheit gewährleisten soll, dann müssen diese Fragen zweifelsfrei und wissenschaftlich nachvollziehbar beantwortet werden.
Ich unterstütze deshalb ausdrücklich die kritische Haltung unseres Landrats Sebastian Gruber und die Forderung der Bayerischen Staatsregierung, die geologische Eignung unserer Region mit größter Sorgfalt zu prüfen und ungeeignete Gebiete aus dem Verfahren zu nehmen.
Was mir in der bisherigen Diskussion jedoch zu kurz kommt, ist der Blick auf das, was unsere Heimat tatsächlich ausmacht.
Haidmühle ist weit mehr als eine Fläche auf einer geologischen Karte.
Wir leben in einer einzigartigen Natur- und Kulturlandschaft, die über Jahrhunderte gewachsen ist und die wir mit großer Verantwortung erhalten und weiterentwickeln.
Unsere Gemeinde liegt am Grünen Band Europa, einem bedeutenden europäischen Naturverbund entlang der ehemaligen Grenze. Haidmühle wurde als erste Modellgemeinde am Grünen Band Europa ausgezeichnet. Wir tragen diese Auszeichnung nicht nur auf dem Papier. Sie steht für unseren Einsatz, wertvolle Lebensräume zu schützen und das Naturerbe unserer Grenzregion für kommende Generationen zu bewahren.
Mit den Bischofsreuter Waldhufen besitzen wir eine historisch gewachsene Kulturlandschaft von außergewöhnlichem Wert. Die charakteristischen Flurformen, artenreichen Wiesen und vielfältigen Lebensräume sind ein lebendiges Zeugnis unserer Geschichte. Mit unserem KulturLandschaftsMuseum Grenzerfahrung machen wir dieses besondere Erbe sichtbar und erlebbar.

Hinzu kommen unsere weitläufigen Wälder, die geschützten Lebensräume, die Landschaft des Naturparks Bayerischer Wald und unsere unmittelbare Nähe zu den grenzüberschreitenden Naturräumen des Böhmerwaldes.

Das alles ist nicht selbstverständlich. Es ist ein Schatz, den frühere Generationen an uns weitergegeben haben und den wir für unsere Kinder und Enkelkinder erhalten wollen.
Wir haben über viele Jahre daran gearbeitet, unsere Gemeinde als lebenswerte Heimat, als Erholungsort und als naturverbundene Region weiterzuentwickeln. Wir investieren in Naturschutz, Landschaftspflege, sanften Tourismus und den Erhalt unserer kulturellen Identität.
Und nun müssen wir uns ernsthaft mit der Möglichkeit auseinandersetzen, dass ausgerechnet unsere Heimat Teil einer künftigen Endlagerregion werden könnte?
Das kann und will ich nicht einfach hinnehmen.
Dabei geht es mir nicht darum, Ängste zu schüren oder wissenschaftlichen Erkenntnissen vorzugreifen. Es geht um Verantwortung. Um die Menschen, die hier leben. Um Familien, die hier ihre Zukunft sehen. Um unsere Landwirtschaft, unsere touristischen Betriebe und all diejenigen, die sich seit Jahrzehnten für den Erhalt unserer Heimat einsetzen.
Ein solches Vorhaben würde, sollte unsere Region tatsächlich als Standort in Betracht kommen, weitreichende Fragen für die künftige Entwicklung unserer Gemeinde aufwerfen. Diese Auswirkungen müssen frühzeitig und umfassend berücksichtigt werden.
Ich frage mich auch, welchen Stellenwert der Schutz unserer einzigartigen Natur- und Kulturlandschaft bei einer derart weitreichenden Entscheidung tatsächlich erhält.
Wir sprechen auf der einen Seite von Artenvielfalt, vom Schutz unserer Lebensräume, von nachhaltiger Regionalentwicklung und vom Erhalt unserer natürlichen Lebensgrundlagen. Auf der anderen Seite steht nun weiterhin die Möglichkeit eines Endlagers in einer Region im Raum, die sich genau diesen Zielen seit vielen Jahren verpflichtet fühlt.
Das ist für mich ein Widerspruch, mit dem wir uns politisch und gesellschaftlich auseinandersetzen müssen.
Ich möchte ausdrücklich betonen: Noch ist keine Standortentscheidung gefallen. Aber gerade deshalb ist jetzt der richtige Zeitpunkt, unsere Interessen klar und unmissverständlich zu vertreten.

Ich erwarte vom Bund und von den zuständigen Stellen ein transparentes, nachvollziehbares und wissenschaftlich belastbares Verfahren. Die geologischen Bedenken unserer Region müssen ernst genommen werden. Ebenso erwarte ich, dass die betroffenen Gemeinden und ihre Bürgerinnen und Bürger rechtzeitig und umfassend beteiligt werden.
Unsere Lage an der Grenze darf kein Nachteil sein. Unsere geringe Einwohnerzahl darf kein Argument sein. Und unsere jahrzehntelangen Bemühungen um den Erhalt einer außergewöhnlichen Natur- und Kulturlandschaft dürfen nicht bedeutungslos werden.
Als Bürgermeister werde ich mich gemeinsam mit unseren kommunalen und politischen Vertretern mit aller Entschlossenheit dafür einsetzen, dass unsere Heimat geschützt und unsere berechtigten Bedenken gehört werden.
Wir haben diese Landschaft nicht geschaffen. Aber wir tragen die Verantwortung dafür, wie wir sie an die nächsten Generationen weitergeben.
Und genau deshalb werde ich mich mit aller Kraft gegen ein Atommüll-Endlager in unserer Heimat einsetzen.

Foto: Gemeind Haidmühle