Ohrenbetäubendes Glockendröhnen, meterlanges Goaßlknallen und ein ganzer Ort im Ausnahmezustand: Im niederbayerischen Rinchnach lebt jeden November ein jahrhundertealter Hirtenbrauch wieder auf. Das „Wolfauslassen“ ist weltweit einzigartig, brachte dem Klosterort einen Weltrekord – und gehört inzwischen zum Immateriellen Kulturerbe Bayerns.
Rinchnach. Erst hört man einzelne Glockenschläge. Dann werden es immer mehr. Schließlich verschmelzen Hunderte Schellen zu einem gewaltigen Dröhnen, das durch die Straßen zieht und im ganzen Ort zu spüren ist. Wenn am Abend des 10. November mehr als 600 „Wölfe“ durch Rinchnach ziehen, erlebt der kleine Klosterort im Bayerischen Wald seinen wohl lautesten Abend des Jahres. Mit Raubtieren haben die „Wölfe“ allerdings nichts zu tun. So heißen die Gruppen der Wolfauslasser, die mit kleinen und teilweise überdimensional großen Kuhglocken durch den Ort ziehen. Dazwischen knallen die „Goaßln“: lange Peitschen aus Hanf, deren Spitzen mit einem scharfen Knall durch die Luft schnellen.
Was heute Tausende Augen und Ohren auf Rinchnach zieht, hat seine Wurzeln in der bäuerlichen Vergangenheit des Bayerischen Waldes. Einst verbrachten Hirten mit den Rindern den Sommer auf den Waldweiden. Wenn sie das Vieh im Spätherbst zurück in die heimischen Ställe brachten, war ihre Arbeit für dieses Jahr getan. Am Vorabend des Martinstages machten sie ihrer Freude darüber mit lautem Glockenläuten Luft. Im Dorf wartete anschließend der Lohn für einen Sommer als Viehhüter.
In Rinchnach hat sich aus diesem alten Hirtenbrauch ein Spektakel entwickelt, das seinesgleichen sucht. Schon am Abend des 9. November beginnt das Ritual mit dem sogenannten „Anmelden der Wölfe“. Einen Tag später wird es ernst: Am 10. November ziehen ab 18.30 Uhr mehr als 600 Brauchtumsbegeisterte mit ihren Glocken durch den Ortskern.
Die Dimensionen sind gewaltig. Manche der Glocken sind so groß und schwer, dass sie mit eigens dafür angefertigten Gestellen getragen werden. Entscheidend ist nicht allein die Lautstärke: Die Gruppen versuchen, ihre Glocken möglichst im gleichen Rhythmus erklingen zu lassen. Aus Hunderten einzelnen Schlägen entsteht so ein mächtiger gemeinsamer Klang. Der Höhepunkt folgt um 21.15 Uhr. Dann treffen sich alle „Wölfe“ und lassen ihre Glocken für einige Minuten gemeinsam erklingen. Hunderte Glocken, Hunderte Menschen – aber nur ein Takt.
Dass Rinchnach als Hochburg des Wolfauslassens gilt, ist dabei keineswegs nur Eigenwerbung. Seit 2009 hält der Ort einen außergewöhnlichen Weltrekord: Damals brachten 1.370 Wolfauslasser ihre Glocken gleichzeitig im selben Takt zum Klingen.
Inzwischen hat die Tradition auch eine besondere kulturpolitische Würdigung erfahren: Das Wolfauslassen gehört zum Immateriellen Kulturerbe Bayerns. Damit steht ein Brauch im Rampenlicht, der über Generationen hinweg weitergegeben wurde und bis heute von den Menschen vor Ort gelebt wird.
Gerade das macht den Unterschied zu einem historischen Schauspiel für Besucher. Die Wolfauslasser sind keine Darsteller, die für einen Abend in Kostüme schlüpfen. Die einzelnen Gruppen gehören zum Dorfleben, die Glocken werden über Generationen bewahrt und das Wissen um den richtigen Rhythmus weitergegeben.
Und wenn das letzte gemeinsame Läuten verklungen ist, ist der Abend noch lange nicht vorbei. In den Gast- und Wirtshäusern wird traditionell bis in die Morgenstunden weitergefeiert. Danach kehrt Ruhe ein. Die schweren Glocken verschwinden wieder auf Dachböden und in Scheunen. Dort warten sie fast ein ganzes Jahr – bis Rinchnach am nächsten 10. November wieder für einige Stunden zum wohl lautesten Dorf im Bayerischen Wald wird. (obx)
Foto: obx-news/erlebe.bayern/Peter von Felbert

